Der brennende Regenwald im Amazonasgebiet sowie die noch heftigeren Brände im Kongo und Zentralafrika haben 2019 die Gemüter in Europa besonders erhitzt.

Für die europäische Seele ist es absolut unverständlich, wie Länder, wie z.B. Brasilien die Brände so bagatellisieren und den Umweltschutz so hintenanstellen können. Wie kann ein brasilianischer Präsident die wirtschaftliche Entwicklung über die Belange des Urwalds und Umweltschutzes stellen? Einfach unfassbar. Und dann macht er uns doch tatsächlich glaubhaft, es wären alles natürliche Feuer, wenn es doch offensichtlich ist, dass die Feuer unverhältnismäßig zugenommen haben, seitdem er an die Macht kam.

Ich gebe fairerweise zu, auch mir geht es so. Ich liebe nichts mehr als die ursprüngliche Natur und die wenigen Orte der Welt, die diese noch zu bieten haben, für mich insbesondere Afrika. Nun drohen auch diese, dem Menschen und seinem Drang nach wirtschaftlicher Entwicklung zum Opfer zu fallen. Und weil das alles meist in Ländern passiert, die außerhalb Europas liegen, fühlen wir uns machtlos mit unseren Unterschriften-Kampagnen, Demonstrationen und Entrüstungen in sozialen Medien.

Wir Europäer kennen Mülltrennung, Biogemüse und Freilandhühner, wie führen Atomausstiegsdebatten, wir haben einen zunehmenden Anteil an Elektrofahrzeugen im Straßenverkehr, Ökohäuser mit Erdwärme und energieeinsparender Isolierung. Greta Thunberg hat entscheidend zur Klimadebatte im Jahr 2019 beigetragen und segelt zu ihren Treffen in Amerika mit dem Segelboot, anstelle zu fliegen, da sie ein Zeichen setzen will.

Die Reaktionen der Europäer und insbesondere der Deutschen sind durchaus verständlich, denn die Umwelt liegt uns laut der Umweltbewusstseinsstudie 2018, des Umweltbundesamtes, sehr am Herzen. Unmittelbar nach Bildung und nahezu gleichauf mit sozialer Gerechtigkeit gehört der Umweltschutz bei den Deutschen zu den drei wichtigsten gesellschaftspolitischen Belangen. Gesundheit, Kriminalität, Terrorismus und Zuwanderung liegen bereits weit dahinter. Es ist somit verständlich, dass es die Deutschen besonders erbost, wenn der Regenwald brandgerodet wird, um Platz für landwirtschaftliche Nutzung zu schaffen, Rohstoffabbau betrieben wird oder Urwaldbäume für die Holzindustrie gefällt werden. Ich will mich deswegen mit diesem aktuellen Thema befassen, welches unsere Gemüter bewegt und auch unsere Entscheidungen beeinflusst ob, wie und wohin wir verreisen. Greta Thunberg demonstrierte mit ihrer Segelreise zum UN- Klimagipfel in New York, dass klimaneutral reisen eine Möglichkeit ist. Sie demonstriert aber auch die Privilegien der westlichen Welt: Zeit und Geld.

Welcher Kleinbauer aus Brasilien, dessen kärgliche Ernte gerade den natürlichen Bränden des Klimawandels zum Opfer fiel, hat das Privileg, darüber nachzudenken ob es richtig und falsch ist den dutzende Jahre alten Urwaldbaum abzuholzen, wenn seine Kinder keine Mahlzeit auf dem Tisch haben. Welche Mutter aus Uganda, die 8 Mäuler zu stopfen hat, interessiert das Wohl der Gorilla mehr als das ihrer eigenen Kinder? Welche indische Familie im Überlebenskamp, denkt darüber nach, wohin sie per Segelboot reisen können, wenn „Urlaub“ ein Begriff ist, der nicht mal in ihrer Umgangssprache auftaucht?

Es ist leicht andere Länder in ihrem Versuch die wirtschaftliche Entwicklung anzukurbeln zu verurteilen, und die Politiker des jeweiligen Landes zu beschimpfen, wie selbstsüchtig sie sich der Welt gegenüber verhalten, wenn es uns gut geht, wir über sicheres Einkommen verfügen, in einem Sozialstaat leben, der uns in Notzeiten auffängt, während wir gleichzeitig einen gesetzlich verankerten Anspruch auf Mindesturlaub und Freizeit haben. Die Mehrheit der Menschen dieser Welt hat keine solchen Privilegien. Die Mehrheit dieser Welt ist auch nicht in gleichem Masse für den Klimawandel verantwortlich, weil diese Länder in den letzten 200 Jahren keine Abgase produzierten, ihre eigenen Naturressourcen zerstörten oder sonst zur jetzigen Situation beigetragen haben.

Trotzdem verlangen wir diesen Ländern ab, dass sie auf Fortschritt verzichten, damit wir Menschen der westlichen Welt, die jahrhundertelang die anderen Kontinente ausbeuteten (und das teilweise immer noch tun), den gleichen Umweltschutzregeln unterwerfen können, wie wir sie uns mittlerweile selbst auferlegen. Es ist aus christlichen, ethischen, jüdischen, muslimischen, buddhistischen, hinduistischen oder auch sonstigen fairen Gesichtspunkten nicht gerechtfertigt, dass wir uns etwas nehmen oder genommen haben, dass wir nun anderen Menschen dieser Erde nicht zugestehen: nämlich ein würdevolles Leben für jeden Menschen und seine Familie. Ein Recht auf Fortschritt und Bildung.

Brandrodung des Urwalds oder auch jeder sonstigen Wildnis in dieser Welt ist nichts, was ich unterstütze oder möchte. Jede Faser in meinem Körper zuckt zusammen, wenn ich die Bilder der verheerenden Feuer in Australien, Nordamerika, in den Mittelmeer Ländern oder eben der tropischen Urwälder sehe. Jeder weiß, das Palmöl auf Kosten des Lebensraums der Orang-Utans hergestellt wird, die Tiere Afrikas Ihren Lebensraum verlieren um Landwirtschaft und Abbau von Rohstoffen zu ermöglichen (häufig für die Herstellung von Smartphones und Tablets), die Ozeane überfischt werden und mittlerweile selbst in den entlegensten Regionen der Welt, Erdöl oder Erdgas gefördert wird und damit die Gesetze von Naturschutzparks umgangen werden.

Diese Tatsache zerfrisst mich innerlich genauso, wie jeden anderen Menschen der sehr naturverbunden ist. Aber es hilft nichts, die Finger auf die Entwicklungs- und Schwellenländer zu zeigen und Verantwortliche zu suchen. Dass die westliche Welt in großem Stil zum Klimawandel beigetragen hat und noch tut, ist kein Geheimnis. Schön, dass wir aus unseren Fehlern lernen und nun eine Kehrtwende einführen wollen. Was können wir also selbst beitragen, um der Brandrodung von Wildflächen Einhalt zu gebieten und verhindern, dass diese Landstriche wirtschaftlich genutzt werden? Das größte Problem für diese große Nachfrage nach Land ist die wachsende Überbevölkerung dieser Welt. Weiter die stetig steigende Nachfrage nach Lebensmitteln und Baumaterialien sowie ein wachsender Markt für technisch fortschrittliche Produkte.

Wenn wir die Ausbeutung der letzten Wildnis Gebiete verhindern wollen, muss die wachsende Überbevölkerung gestoppt und die Bildung in allen Gebieten der Welt vorangetrieben werden. Armut, eine traditionelle Lebensweise, deren Altersabsicherung nur durch Kinder besteht, patriarchalische Strukturen, in denen sich die Männlichkeit durch die Anzahl der gezeugten Kinder ausdrückt, sind häufig die Ursache dass in Entwicklungsländern 6-10 Kinder pro Mutter gewöhnlich sind. So schön kinderreiche Familien auch sind, sie tragen entscheidend zur Überbevölkerung bei und haben deutlich geringere Chancen, einen gewissen Mindestwohlstand zu erreichen, da es zu viele Münder zu stopfen gilt und keine Mittel gibt, sich Bildung für die Kinder zu leisten. Dazu müssen die Kinder meistens zum Lebensunterhalt beitragen. Ein Teufelskreis für viele Entwicklungsländer, aus dem es kein Entrinnen gibt, außer man erschafft Möglichkeiten, dass diese Familien Jobs und Einnahmequellen erhalten die ein sicheres Leben sowie eine Bildung ermöglichen.

Stellen wir uns vor, man schützt die Wildnis-Gebiete, die uns so heilig sind, wie z.B. den Amazonas oder die afrikanischen Savannen und Wälder, in denen die größte Vielzahl an noch freilebenden Wildtieren beheimatet ist. Dadurch nimmt man diesen Ländern Land für Landwirtschaft und Besiedlung durch ihre wachsenden Bevölkerungen. Allerdings richtig gemacht, und zwar als touristische Attraktionen, schafft man auch einen Wert in dieser Wildnis, den die Einheimischen anerkennen. Dies geschieht immer dann, wenn die dort lebende Bevölkerung in zweierlei Hinsicht von der Schaffung dieser Naturschutzgebiete profitiert. Zum einen muss es die lokale Bevölkerung sein, die finanziell von solchen Vorhaben profitiert. Zum anderen muss es überwiegend die lokale Bevölkerung sein, die hier von Arbeitsplätzen und Ausbildungsmöglichkeiten ihren Nutzen zieht. Sind diese beiden Mehrwerte garantiert, hat auch ein lokaler Kleinbauer ein Interesse daran, das Wildnis-Gebiet zu schützen, denn nun kann er auf seinem Land bleiben, findet eine Ausbildungs- bzw. Anstellungsmöglichkeit und erhält meist auch noch finanzielle Mittel durch die Landpacht.

Dieses Konzept ist nicht neu und weit verbreitet in Afrika. Tourismus ist in den Ländern „Safari-Afrikas“, also überwiegend im östlichen und südlichen Afrika, eine der wichtigsten wirtschaftlichen Einnahmequellen. Die Geschichte der Berggorillas in Uganda, Ruanda und D.R. Kongo, die nahezu vor dem Aussterben bedroht waren und deren Bestände nun seit einigen Jahren wieder steigen, ist eine Erfolgsgeschichte des nachhaltigen Tourismus. Indem man dem Urwald und den Gorillas einen Wert gegeben hat, von dem in erster Linie die lokale Bevölkerung profitiert, haben die Einheimischen, anders als zuvor, angefangen, Wald und Gorillas zu schützen und gleichzeitig damit ein sicheres Einkommen erhalten. Schulen wurden errichtet und der Bevölkerung um Bwindi in Uganda, Musanze in Ruanda und Goma in DR Kongo geht es nun besser als zu Zeiten, in denen sie von Subsistenzwirtschaft gelebt haben.

Und wer bezahlt dies alles? Die Menschen der „ersten Welt“ die für teures Geld nach Uganda oder Ruanda reisen, ein „Gorilla Permit“ erstehen und damit den Erhalt der Parks, aber auch dem Lebensunterhalt der Ranger und Tracker und Angestellten des Hotel- und Gastgewerbes finanzieren, die alle der lokalen Bevölkerung entstammen. Nachhaltiger Tourismus beruht auf dem Prinzip, dass wenige Menschen in gefragte Urlaubsgebiete reisen, um dort einzigartig erhaltene Wildnis zu erleben, und die lokale Bevölkerung davon profitiert. Der Fokus liegt auf kleinen Besucherzahlen, zum Schutz der Naturlandschaft und Wildtiere. Um allerdings den gleichen Umsatz zu erreichen den viele Gäste bewirken würden, muss für die Exklusivität bezahlt werden. Das bedeutet meist hochwertige, ökologisch betriebene Lodges, die möglichst wenig Einfluss auf die Umwelt ausüben, und aus natürlichen, lokalen Materialien erbaut wurden.

Man bezahlt meist viel Geld für solche Reisen, wird aber mit einem hohen Wohn-Standard, hervorragendem Essen, bereitet aus lokalen Produkten, und einsamen Naturerlebnissen belohnt. Es ist ein Konzept, bei dem alle Beteiligten gewinnen, und die Natur sowie der Lebensraum der Wildtiere wird gleichzeitig erhalten. Die lokale Bevölkerung, kann ihre eigenen Stärken zur Ausübung ihrer Jobs einsetzen, die angeborene und erlernte Kenntnis ihrer Heimat, und muss sich in Sachen wie technischer Fortschritt nicht mehr auf dem Weltmarkt messen. Stattdessen entsteht ein Stolz und eine Wertschätzung für die eigene Kultur und Heimat.

Ein weiteres Argument für nachhaltigen Tourismus : „Tourismus ist der einzige Dienstleistungssektor, der eine für die Entwicklungsländer positive Handelsbilanz aufweist, in dem mehr Geldströme aus der ersten Welt in die Entwicklungsländer fließen, als umgedreht.“ (Emaad Muhanna PhD, Cape Peninsula University of Technology, 2005)

Was passiert nun aber, wenn niemand mehr die Wildnis-Gebiete besucht, weil alle sich vor den Langstreckenflügen mit ihren möglichen Emissionen scheuen? Dann stirbt der nachhaltige Tourismus und die Wildnis-Gebiete verlieren an Wert. Dann wird der Amazonas und der Urwald auf Borneo weiter abgeholzt oder brandgerodet und auch die afrikanischen Nationalparks sterben mangels Besucherzahlen. Flugreisen sind deswegen nicht pauschal zu verurteilen, insbesondere wenn es zu Langstreckenzielen geht, die anders nicht erreicht werden können. Für Kurzstreckenflüge kann man sicherlich überdenken ob nicht ggfs. andere emissionsärmere Verkehrsmittel ebenso möglich wären.

Was eine tolle Möglichkeit bietet, die Emissionen seines Langstreckenfluges zu neutralisieren, ist einen Betrag an Unternehmen, wie z.B. „atmosfair“ zu spenden, welche das Geld dann in Umweltschutzprojekte steckt wie unter anderem in Aufforstung von ehemals zerstörten Landschaftsgebieten. Klar wird die Urlaubsreise dadurch noch etwas teurer. Aber wir geben ja auch mehr Geld für ein Biohühnchen statt eines Käfighuhnes aus. Früher hieß es „Adel verpflichtet“, heute heißt es „Wohlstand verpflichtet“, und dazu zählt, dass die Länder die Zeit und Geld besitzen, entscheidend dazu beitragen, dass diese Welt ökologischer und sozialer wird. Es muss einfach mehr ins Bewusstsein der Menschen gelangen, dass Reisen ein Privileg ist und genauso bedachtsam und unter ökologischen Gesichtspunkten gewählt werden will wie Gemüse, Fleisch, Strom und Fahrzeug. Jeder kann ein Vorbild sein, nicht nur Greta.

Heike van Staden – Januar 2020