*** 29.04.2020 : Aus aktuellem Anlass, der Tötung weiterer 13 Ranger des Virunga Nationalparks am 27.04.2020 durch Wilderer, senden wir diesen Blog um auf die Bedürftigkeit eines einzigartigen Nationalparks aufmerksam zu machen***
 

Mit jährlich mindestens drei bis fünf unterschiedlichen Reisen innerhalb Afrikas seit nun mehr 17 Jahren sowie den prägenden Reisen, die ich gemeinsam mit meiner Familie in meiner Kindheit und mit Freunden in Studentenzeiten unternommen habe, komme ich mittlerweile auf min. 70-80 Reisen innerhalb Afrikas.

Durch meine Arbeit ermöglicht, hatte ich das Privileg, die unterschiedlichsten und entlegensten Ecken innerhalb Afrikas zu bereisen. Man könnte meinen, dass ich mir mittlerweile jeden Afrikatraum erfüllt habe. Aber es gibt bestimmte Posten auf meiner „bucket list“, die gar nicht so einfach umzusetzen sind. Dazu gehörte für viele Jahre der Kongo.

Der Name des Landes sorgt bei mir schon für Gänsehaut. Der Kongo, oder Zaire wie das Land in meiner Kindheit hieß, ist für mich der Inbegriff Afrikas. Das zentralste Land des afrikanischen Kontinents, ist nach Algerien auch das zweitgrößte Land in Afrika. Afrikakenner wissen, dass es den kleinen Kongo (Kongo-Brazzaville oder Republik Kongo) und den grossen Kongo (auch DRC, Demokratische Republik Kongo oder Kongo-Kinshasa genannt) gibt. Beide Länder grenzen an den gleichnamigen Fluss und liegen im Tropengürtel des Kontinents.

Während man vom kleinen Kongo eigentlich ausserhalb der Tourismus Industrie (Odzala Nationalpark) kaum etwas hört, fällt der „große Kongo“ regelmäßig durch Negativschlagzeilen auf. Fast immer geht es um Krieg, Gewalt oder Ebola. Dies sind auch die Gründe warum er touristisch nicht ohne Risiken zu bereisen ist. Laut dem Auswärtigen Amt besteht aktuell eine Reisewarnung für das ganze Land und insbesondere für den spannenden Nordosten, die Nord-Kivu und Ituri Provinz, in dem der Virunga Nationalpark liegt. Eine Reisewarnung in Deutschland bedeutet schon oberste Sicherheitsstufe und sollte nicht leichtfertig missachtet werden. Wenn ich mich kürzlich trotzdem dazu entschied das Land zu bereisen, dann geschah dies nicht aus purem Leichtsinn oder aus Überheblichkeit. Sondern weil in mir ein tiefes Bedürfnis schlummert, auch die Orte auf die touristische Landkarte zu rücken, die trotz Ihrer politischen oder gesundheitlichen Widrigkeiten, die besondere Aufmerksamkeit eines jeden Naturschützers und Afrikaliebhabers verdient. Natürlich habe ich mich mit den tatsächlichen Gefahren auseinandergesetzt und versichert, dass für mich eine Reise vertretbar ist.

Haben Sie schon einmal vom Virunga Nationalpark gehört? Es ist der älteste Nationalpark Afrikas (der Krügerpark in Südafrika ist bereits länger Schutzgebiet, aber kürzer „Nationalpark“) und nimmt aufgrund seiner Vielfalt in Flora und Fauna einen einmaligen Status ein, denn es gibt weltweit keinen Nationalpark mit größerer Artenvielfalt. Im Tropengürtel Afrikas gelegen, besteht der Park aus einer von vier Vulkankegeln geprägten Landschaft die von Regenwald bedeckt ist. Der Virunga Nationalpark erstreckt sich über 300 km entlang der Grenze zwischen dem Kongo mit den Ländern Uganda und Ruanda. Nationalparks in Uganda wie die Rwenzori Berge und der Queen Elizabeth Nationalpark, sowie der Vulkan Nationalpark in Ruanda gehen grenzübergreifend in den Virunga Nationalpark im Kongo über. Virunga ist nicht nur die Heimat von ca. 286 der noch etwa 1000 existierenden Berggorillas. Er ist ebenso Heimat von zahlreichen Schimpansen, weiteren Primaten, Elefanten, Büffeln, Löwen und anderen großen Säugetieren neben sensationellen 705 Vogelarten. Kein anderer Park Afrikas bietet diese Vielfalt neben zusätzlich gleich zwei unserer großen Menschenaffen Arten.

Aber dies ist nicht der eigentliche Grund warum ich den Virunga Nationalpark so gerne besuchen wollte. Meine Motivation war es, den Park in Afrika zu sehen, der schwieriger zu schützen ist als jeder andere. Die Park Ranger des Virunga Nationalparks nehmen eine Ausnahmestellung unter allen „Game Rangern“ des Kontinents ein und es gibt wenig gefährlichere Berufe. In den letzten 25 Jahren haben 175 Ranger in Ausübung Ihres Jobs Ihr Leben verloren. Davon zeugen heute im „Head Quarter“ des Parks 175 Sterne, die auf eine Wand aufgemalt wurden und die jeweils einem im Amt verstorbenen Ranger oder Rangerin zugeordnet sind. Die Existenz des Parkes ist nahezu seit Anbeginn hoch umstritten. Die Landschaft ist atemberaubend und birgt wie erwähnt eine unglaubliche Artenvielfalt. Allerdings ist das Gebiet auch voller natürlicher Rohstoffe wie Öl, Gold und anderer Mineralien, die ausreichen, um jeden habgierigen Menschen des Landes auf den Plan zu rufen. Der Kongo ist, was Rohstoffe betrifft, wahrscheinlich das reichste Land Afrikas und eines der reichsten Länder der Welt. Allerdings hat das Land weder die Mittel noch die politische Stabilität um diese Rohstoffe kontrolliert abzubauen, weswegen es seit dem Ende der belgischen Kolonialzeit 1960, einen fortlaufenden Krieg um die Rohstoffe gibt.

Es ist ein Land, 6 x so gross wie Deutschland, welches mit ca. 200 unterschiedlichen Ethnien keine natürliche Einheit bildet und wie Restafrika von den Kolonialmächten ausschließlich nach eigenen machtpolitischen Gesichtspunkten als Land zusammengefasst wurde. Es gibt weder eine kulturelle Einheit noch ein gemeinsames Staatsziel weswegen die Menschen im Süden oder Westen des Landes in keiner Weise die Interessen, Kultur oder Bedürfnisse der Menschen im Norden oder Osten teilen. Das politische System ist seit Entlassung in die Unabhängigkeit hoch korrupt, unzuverlässig und hat zu keiner Zeit die Interessen der Mehrheit der Menschen im Land vertreten. Belgien hinterliess ein Land welches weder die finanziellen Mittel noch die technischen Möglichkeiten hatte, seine reichen Rohstoffe abzubauen oder zu kultivieren, weswegen der Kongo seit Jahrzehnten von Kriegen sowie Ausbeutung durch kriminelle Gruppierungen und Rebellen geschüttelt ist. Und neben dem Elend des Landes, welches zu den ärmsten, undemokratischsten und bildungsfernsten Ländern der Welt zählt, muss der Virunga Nationalpark überleben, um den Bestand der letzten Berggorillas und die unsagbare Artenvielfalt die weltweit auszusterben droht, zu sichern.

Hinter diesem Park steht ein Team von Umweltschützern, die ein noch dickeres Fell und eine noch größere Widerstandsfähigkeit aufweisen, als ich bislang in anderen afrikanischen Parks erlebt habe. Geführt wird der Park von Emmanuel de Merode, einem Neffen der belgischen Königsfamilie, der seit 2008 den Widrigkeiten des Landes seine Stirn bietet und mit unsagbar visionären Methoden die Existenz des Parks sichert. Von Rebellen mit Bauchschüssen nahezu getötet, überlebte er 2015 einen Mordanschlag nur so gerade und statt sich im Anschluss in seine Heimat Kenia zurück zu ziehen, verdoppelte er die Anstrengung den Park und seine Existenz zu retten. Über die dunklen Machenschaften dieser Rebellen, die den Angriff auf den Head Quarter des Parks in 2015 verübten, gedungen von einer britischen Öl Firma, welche den UNESCO Weltnaturerbe Status des Parks umgehen wollte um innerhalb der Parkgrenzen Öl zu fördern, erschien eine preisgekrönte Dokumentation auf Netflix mit Namen „VIRUNGA“, eine Dokumentation die überaus sehenswert ist! (Bitte ansehen!)

Ich habe mir selbst ein Bild davon gemacht unter welchen Bedingungen die Ranger arbeiten. Virunga hat in keiner Hinsicht enttäuscht. Ich habe die Gorillas besucht und eine grossartige Erfahrung bei der Beobachtung der sanften Riesen gemacht, ich habe die aufgedrehten Schimpansen beobachtet, die anders als die Gorillas nicht habituiert aber auch nicht weniger spannend sind. Damit mussten wir uns durch tiefen Schlamm bei Regen durch den Dschungel kämpfen, aber es hat sich gelohnt. Ich habe das Witwen Programm „widows of the fallen rangers“ besucht, welches neben Souvenirs für die Gäste auch Handarbeiten wie Papierkörbe, Kissen und Bezüge für die Lodges herstellt, die „Congo hounds“ gesehen – eine Bluthund Einheit welche auf die Elfenbeinjäger und andere Wilderer und Rebellen eingesetzt wird. Eine Fahrt über die katastrophalen Schlammstraßen des Kongos, führte uns zu einem der 8 Wasserkraftwerke, die Emmanuel ins Leben gerufen hat, um die angrenzenden Dörfer und damit Millionen von Menschen erstmals mit Strom zu versorgen und damit den Aufschwung und die Akzpetanz der 6 Mio. angrenzenden Parkbewohner für die Existenz des Parks zu erreichen. Diese Kraftwerke werden ausschließlich aus Spendengeldern für den Park gebaut und finanziert und schaffen eine Infrastruktur für Aufschwung, die der kongolesische Staat in Jahrzehnten nicht geschaffen hat. Nur Fortschritt hält die Dorfbewohner davon ab durch den Nationalpark zu wüten, die Tiere zu töten und die Urwaldbäume abzuholzen. Ich habe das einzige Waisenhaus für Berg Gorillas in Rumangabo besucht, welches die neue Heimat für 4 Gorilla Jungen bildet, die 2007 nach einem Massaker von Rebellen an einer gesamten Berggorilla Familie übrig blieben.

Ich habe einen der wenigen aktiven Vulkane weltweit bestiegen, um einen Blick auf die brodelnde Lavamasse zu werfen, die jederzeit, wie zuletzt in 2002, wieder los gehen kann. Und ich habe zuletzt Gespräche mit dem Team geführt, welches da draußen im Herzen Afrikas arbeitet und einfach nicht aufgibt, obwohl die Bedingungen und die Hoffnung schlechter sind als in jedem anderen Land Afrikas. Und was ich gesehen habe war nicht Mutlosigkeit sondern Zuversicht. Menschen die gelernt haben auf jeden kleinen Fortschritt zu fokussieren und sich von Rückschritten und Kriegen und Rebellen Attacken und Ebola nicht entmutigen zu lassen. Sie lesen richtig, auch Ebola hat sich hier in den letzten 2 Jahren wieder ausgebreitet und verhindert, dass wir offen dafür werben können, diesen Park und seine Helden zu unterstützen. Der Virus, der 2014 weltweit für Massenpanik sorgte und nahezu jedes Afrika Geschäft inklusive Elangeni nahezu zum Ruin trieb, ist mit ca. 3000 infizierten Fällen die im Randbereich des Parks in den letzten 18 Monaten aufgetreten sind, alarmierend. Befasst man sich allerdings mal mit dem Virus ohne grundweg in Panik zu verfallen, lernt man, dass der Virus wenn auch hoch gefährlich in keiner Weise so einfach zu übertragen ist, wie er in den Medien vor paar Jahren dargestellt wurde. Es gehört schon intensiver körperlicher Kontakt mit infizierten Personen dazu bei denen die Krankheit bereits ausgebrochen ist.

Das Team von Virunga, welches den Gast an der Grenze nach Ruanda in Goma abholt und am Ende auch wider hinbringt, sorgt dafür, dass man weder mit Menschen in den Dörfern in Berührung kommt, noch das man sonstigen Rebellen Angriffen ausgesetzt ist, indem man grundsätzliche mit hoch bewaffneter Patrouille reist. Ebola Aufklärungsstationen an denen Hände gewaschen und Fieber gemessen wird, gibt es zahlreiche, obwohl die gefährdeten Regionen außerhalb der Gebiete liegen, in welche die wenigen Touristen, die sich trotz Warnung in den Kongo wagen, gebracht werden. Hier im Süden des Parks wo auch das Head Quarter angesiedelt ist, hat es noch keinen Ebola Fall gegeben, weswegen ich es auch für vertretbar hielt selbst hinzureisen. Die Verbreitung ist momentan an den nördlichen Parkgrenzen zu den keine Tourist zugelassen ist.

Nichtsdesto trotz sind dies und die Rebellen Aktivitäten Grund genug, keinen unserer Kunden momentan davon zu überzeugen, dass der Kongo eine ideale Reisedestination wäre. So gerne ich dafür werben würde, sehe ich als Veranstalter durchaus die Gefahren, die ein Besuch dieser Region birgt. Allerdings will ich es mir trotzdem nicht nehmen lassen, den Virunga Nationalpark auf die Landkarte unserer Kunden zu setzen und von dem unvergleichlichen Kampf zu berichten, den die Virunga Ranger unter Emmanuel de Merode, sowie das ganze Nationalpark Team mit seinen unglaublichen Bemühungen, jeden Tag leistet um dieses einzigartige Stück Natur, den primären Regenwald und die Heimat der Berggorillas sowie Schimpansen und anderer Tiere zu erhalten. Setzen Sie den Park auf ihre „Bucket List“ auch wenn es momentan nicht ideale Bedingungen sind. Wir sind die ersten, die Ihnen berichten, wenn es doch wieder etwas unbedenklicher ist das Land zu besuchen, und dann sollte es auf Ihrer Liste weit oben stehen.

Nicht nur weil das Gorilla Permit mit 200-400 USD pro Person weit unter den Kosten in Uganda (600 USD) und Ruanda (1500 USD) pro Gorillapermit liegt. Die Kombination mit Schimpansen und Besteigung des aktiven Vulkan Nyiragongo ist eben NUR im Kongo möglich. Der Kongo zeigt ein Afrika, wie ich es zuletzt in meiner Kindheit gesehen habe. Reist man aus Ruanda ein, ein Land welches Deutschland im Punkto Sauberkeit beschämen würde und in dem der Aufschwung an jeder Straßenecke zu spüren ist, ist man absolut geschockt direkt über die Grenze zum Kongo, die chaotische und zugemüllte Stadt Goma zu durchfahren. Das ändert sich auch nicht, wenn man die Stadt hinter sich lässt und aufs Land fährt. Die Straßen werden von schlagloch-übersäten Teerstraßen zu Schlammpisten und die Menschen leben unter ärmlichsten Verhältnissen. Hier hat es sichtbar absolut keinen Fortschritt in den letzten 60 Jahren gegeben, wenn man mal von den zahlreichen chinesischen Mopeds absieht die mit 3-4 Personen besetzt und meist turmhoch beladen als meist einziges Fortbewegungsmittel dienen. Nur ca. 40 % der Kinder gehen in die sehr schlecht ausgestatteten Schulen und die Menschen leben fast ausschließlich von Subsistenzwirtschaft.

Hoffnung haben die Menschen keine, zu häufig hat es in den letzten Jahrzehnten Kriege gegeben. Selbst die UN Streitkräfte die hier stationiert sind, greifen nicht mehr in die dauerhaften Gewalttaten und Auseinandersetzungen der kriminellen Rebellengruppen ein. Das Volk hat eine Wut auf den Staat, auf die untätigen UN Streitkräfte, auf die Gewaltattacken die Alltag sind, auf die gebliebenen Flüchtlinge aus Uganda und Ruanda, die nun im Kongo weitere Zwiste befeuern und auf den ausbleibenden Fortschritt. Keiner glaubt, dass sich je etwas ändern wird.

Ein Hoffnungsfunke besteht allerdings für diejenigen, die von den Änderungen die Virunga bewirkt nutznießen. Das Virunga Team hat schon so viel bewirkt und verändert. Die Reise hat mich tief bewegt und beeindruckt und ich werde auf jeden Fall persönlich den Park zumindest durch Spendengelder unterstützen, bis die Situation wieder so ist, dass ich guten Gewissens meine Kunden dorthin senden und damit die unglaubliche Arbeit des Parks fördern kann. Emmanuel hat meine Vorstellung davon, was durch Tourismus möglich ist, auf eine ganz neue Ebene gehoben und ich bin in tiefer Bewunderung darüber, was ein einziger Mensch im Leben so vieler anderer Menschen bewirken kann.

Kongo – zu Recht erscheinst Du geheimnisvoll.
Zu wenig Geschichten dringen nach draußen. Meine Erwartungen hast Du voll erfüllt.

Mikeno_Vulkan_Kongo_Virunga
Dschungel_Virunga_Kongo
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Vulkan_Lava_Kongo_Nyirangongo
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Schlammpiste_Demokratische_Republik_Kongo
Gedenktafel_gefallene_Ranger-Virunga