Harnas - Tier - Mensch - Tier

Christoph Faust - 27. Juni 2011 - 15:45

Im Norden des Städtchens Gobabis im Osten Namibias nahe an der Grenze zu Botswana liegt das 8.000 h große Areal der Harnas Farm. Der Begriff "Farm" resultiert aus der ursprünglichen Bestimmung dieses Fleckens Land in der Weite der Kalahari, Harnas war einst eine Rinderfarm. Der bedingungslosen Liebe zu allen Kreaturen dieser Welt von Besitzerin Marieta van der Merwe ist es zu verdanken, dass aus der einstigen Nutztierfarm sukzessive ein Refugium für verwaiste, verletzte oder auf sonstige Weise dem Tod geweihten Tieren entstand, heute freuen sich über 400 Schützlinge über die Obhut der Harnas Wildlife Foundation - und damit Ihres Lebens.
Der ständige Begleiter des Lebens ist der Tod, allemal in der Afrikanischen Wildnis. Der Tod eines Individuums sichert das Überleben eines anderen. Nirgendwo in Afrika lässt sich diese Parabel so hautnah erleben wie auf Harnas. Zu den Tieren auf Harnas gehören auch Vertreter aller in Afrika lebenden Katzen - ihres Zeichens Fleischfresser, Fleischfresser fressen Fleisch und das wächst bekanntlich nicht auf Bäumen. Die vielseitigen Bedürfnisse der Harnas Schützlinge werden unter anderem von der unverzichtbaren Arbeit von Volontären unterstützt, meistens jüngere Menschen mit einem Herz für Tiere, die vor, während oder nach dem Studium Ihre Affinität zu Tieren intensiv ausleben möchten, die etwas geben möchten - und Sie alle nehmen etwas mit für Ihr Leben: Eine mit nichts vergleichbare Erfahrung. Als erste Amtshandlung helfen die Volontäre bei der Fütterungstour durch die Gehege derer Vierbeiner, die noch nicht oder nicht mehr selbst für Ihre Nahrung sorgen können. Wirtschaftsstudentinnen aus der Großstadt greifen arm tief in einen Eimer mit einer Pampe aus Früchten und Getreide und werfen vom langsam fahrenden Landrover aus einzelne Matschklumpen über den Zaun des Geheges der Paviane. Gleich dahinter leben die jungen, aber ausgewachsenen Löwenbrüder "Zion" und "Trust". Eine zierliche Hamburgerin zieht am einen verbleibenden Ohr einen bluttriefenden, längs halbierten Eselsschädel aus einem Eimer und wuchtet diesen mit aller Kraft über den 2.50m hohen Zaun - keine Selbstverständlichkeit für eine angehende Unternehmensberaterin - und Vegetarierin! Trust springt dem Happen spielerisch leicht entgegen und schlägt noch in der Luft seine mächtigen Zähne krachend in die Schädelknochen des Huftieres, noch keine 5 Minuten später hat er den Schädel komplett zerkaut und aufgefressen.
Etwas kleinere Fleischhappen fliegen über den Zaun der Windhunde und der Karakale - auch diese verschwinden meistens in den Mäulern der Karnivoren bevor sie zu Boden fallen.
Die Geparden werden im Gehege gefüttert, zwei Volontärinnen öffnen das Gatter für die Durchfahrt des Landrovers und haben dafür Sorge zu tragen, die gut ein Dutzend Super Sprinter mit nichts als einem Stöckchen und all ihrem Mut auf Distanz zu halten.
In dem größten Teil des Areals leben die Tiere dann vor Ihrer Auswilderung frei und sorgen für sich selbst. Gepardin Pride trägt ein Halsband, mit dessen Hilfe sie sich orten läßt. Pride ist eine Überlebende von drei Gepardenbabies, deren Mutter von einem Farmer erschossen wurde. Mit dem Fläschchen von Menschen großgezogen ist Pride absolut zahm und an Menschen gewöhnt. Es gab daher viele Skeptiker bezüglich des Erfolges Ihrer Auswilderung - aber ihre Instinkte sind da und funktionieren bestens. Wir orten das stolze Tier und "erwischen" Sie am Kadaver eines frisch geschlagenen, stattlichen Springbok Bockes, vor dem Sie mit dem Fressen wartet, bis Ihr von der Hatz in die Höhe getriebener Puls sich wieder beruhigt. Ich stehe unmittelbar neben einem schnurrenden Raubtier, welches gerade eine 35kg schwere Antilope zur Strecke gebracht hat und streichele das Tier, bevor es sein blutiges Werk beginnt und die Beute von hinten beginnend frisst. An diesem und anderen einzigartigen Erlebnissen durfte ich mich in drei ereignisreichen Tagen auf Harnas erfreuen.
Eine Hauskatze schläft im Schutze des Schoßes eines Hundes von der Größe eines Kalbs, ein Springbok, der mit Hunden aufgewachsen ist, hebt zum Urinieren das Bein, ein riesiger Geier weigert sich das Hühnergehege zu verlassen, nachdem ihm einst von Pavianen die Federn gerupft wurden - bei den Hühnern fühlt er sich sicher und verzichtet für das gewährte Asyl der Hühner darauf, mit seinem mächtigen Schnabel nach dem deutlich kleineren Ferdervieh zu hacken. Eine blinde Meerkatze freut sich täglich über menschliche Gesellschaft und lauscht andächtig den sanften Worten einer Betreuerin, wenn diese ihr eine Geschichte vorliest. Der mit 26 Jahren vielleicht älteste Gepard der Welt "Goeters" verbringt hier friedlich seinen Lebensabend.
Die Geschichten vom Leben auf Harnas scheinen unendlich, die bewegenden Schicksale der einzelnen Tiere sind so bewegend wie die ebenfalls von Tragödien geprägte Geschichte der Familie van der Merwe selbst.

mongoose
Chalet Harnas