Ich liege mit dem Rücken auf meiner Matratze und starre in den Himmel.
Obwohl wir in Afrika sind, werden die Nächte in den Wintermonaten erstaunlich kalt, weswegen ich dankbar für das warme Bettzeug bin. Über mir breitet sich ein gigantischer Sternenhimmel aus, den ich über 180 Grad vertikal und 360 Grad horizontal bestaunen kann. Keine einzige Lichtquelle über hunderte von Kilometern beeinträchtigt diesen Nachthimmel. Ich liege inmitten des Katavi Nationalparks, 4 Flugstunden per Propellermaschine von Arusha im Norden Tansanias und damit der nächsten nennenswerten Zivilisation (zumindest nach europäischen Maßstäben) entfernt. Nach Dar es Salaam im Osten sind es sogar 6 Flugstunden.

Außer mir sind hier noch 4 weitere Mitreisende und unsere Guides. Wir wissen dass wir die einzigen Gäste im gesamten Nationalpark sind, der knapp 4500 qkm groß ist. Der Park ist so abgelegen, dass es nur 400 Touristen im Jahr hierher verschlägt. Nur 4 kleine Camps bieten Unterkunft für Safarigäste, die die weite Anreise und doch nicht unbeachtlichen Kosten um hierher zu gelangen, nicht scheuen. Wir haben Glück. Die anderen Camps sind noch leer weil die Saison für Katavi Anfang Juni gerade erst begonnen hat und somit dürfen wir die knapp 4500 qkm in stiller Einsamkeit erfahren. Während ich so daliege und die absolute Stille genieße wird mir wieder mal klar, dass dies der wahre Luxus im 21 Jahrhundert ist.
Ein Lagerfeuer brennt in naher Entfernung und hin und wieder sehe ich den Schatten, des Massai, der heute Abend unseren Schlaf bewachen wird. Ich fühle mich sicher und geborgen und ich atme tief die Nachtluft ein. Erinnerungen aus meiner Kindheit werden wach, als ich zusammen mit meinen Geschwistern und Eltern in Igluzelten in Afrikas Wildnis campte. Auf einer solchen Reise durchquerten wir Botswana und Zimbabwe. Es gab noch keinen nennenswerten Safaritourismus in den Zeiten und auch wenig Campingplätze. Wir campten hin und wieder wild und es war kein Massai oder lokaler Tswana da, der unseren Schlaf bewachte. Sobald es dunkel war, gingen wir Kinder ins Zelt. Jeweils 2 Kinder in ein Igluzelt. Wegen der Hitze hatten wir meist nur die Moskitonetze geschlossen, der Blick nach außen zum Lagerfeuer hin gerichtet unverstellt. Nicht selten erwachte ich Nachts, geweckt von Hyänen oder Elefanten, die um unsere kleinen Zelte streiften. Einmal lies sich ein Löwe 20 m vom Zelt entfernt nieder. Die dünne Zeltschicht erschien mir absurd und ich fürchtete mich unglaublich. Ich grämte mit meinen Eltern, dass sie uns so etwas zumuteten und schwor mir Nacht für Nacht, Watte in die Ohren zu stopfen, damit ich die vermeintlichen “Gefahren” wenigstens nicht hörte. Wegen des starken Herzklopfens dauerte es meist lange bis ich wieder eingeschlafen war. Wenn ich allerdings am Morgen erwachte, konnte ich meine Angst der Nacht nicht mehr nachvollziehen. Mit dem Tageslicht erwacht in Afrika nicht nur die Natur zu Leben, man schöpft auch neuen Mut. Die Schönheit der unberührten Wildnis und das Wissen, dass man die Nacht “überlebt” hat macht einen so euphorisch das man eine weitere Nacht wagen wird.

Dieses Mal fühle ich mich aber anders. Über Jahrzehnte habe ich nun Afrika auf vielen dutzenden Reisen erlebt und das Privileg gehabt mitunter von den großartigsten Guides die Afrika hervorgebracht hat zu lernen. Die Wildnis macht mir keine Angst mehr, weil ich sie heute besser verstehe. Heute Nacht besteht zwischen mir und der freien Wildbahn nur eine dünne Gazeschicht, welche die Moskitos fernhalten soll. Keine Zeltwand verdeckt den Blick. Man liegt völlig entblößt in der freien Natur, aber mit dem Komfort einer dicken Matratze und einer warmen Bettdecke. Ich liege bewusst wach, um diesen Augenblick so lange wie möglich zu genießen. Die Geräusche der Natur verstummen nach und nach und nur noch der ein oder andere Nachtvogel meldet sich gelegentlich zu Wort.

Ich muss irgendwann eingeschlafen sein, denn ich erwache von dem markantesten Geräusch in der Wildnis. Ein Löwe brüllt in einiger Entfernung. Es klingt nachts immer deutlich näher als es eigentlich ist. Man hört Löwengebrüll sogar über mehrere Kilometer Entfernung. Ich warte ab und lausche, denn ich will wissen in welche Richtung sich der Löwe bewegt. Wird das Brüllen lauter oder leiser? Löwen brüllen gewöhnlich aus zwei Gründen. Männliche Löwen um Ihr Territorium zu schützen und möglichen Eindringlingen zu signalisieren wer hier der Herrscher ist. Weibliche Löwen die meist in Gesellschaft anderer Löwinnen unterwegs sind brüllen zur Kommunikation oder um z.B. die Entfernung zu Rudelmitgliedern abzuschätzen. Ein Löwe der brüllt ist jedenfalls nicht auf Jagd. Es wäre ja auch widersinnig sich als Pirschjäger seiner Beute so lauthals bemerkbar zu machen. Mein Löwe klingt weiblich und es sind tatsächlich wiederkehrende Rufe. Sie nähern sich. Ich liege ganz still und lausche. Die spannenden Momente sind die Momente der Stille. Jeder weitere Ruf fast eine Erleichterung. Man kann die Raubkatze dann wieder orten. Es ist ein noch wacher Instinkt des Menschens, diese etwaige Gefahr orten zu wollen. Trotz meines Wissens das sich diese Löwin nicht auf Jagd befindet wird mir etwas mulmig, als sich die Löwin soweit genähert hat, dass sie nicht weiter als 100 m von meinem Moskitonetz entfernt sein kann. Ich sitze mittlerweile auf meinem Lager und starre nach draußen um zu sehen ob ich sie ausmachen kann. Man sieht relativ viel, solange man nicht den Fehler macht ins Lagerfeuer zu starren, welches der Massai wieder zum Laufen gebracht hat. Er hat den Löwen damit eine Grenze gesetzt wie weit sie kommen können.

Was ihm klar ist, und ich erst am nächsten Morgen erfahre, ist dass es sich um einige Löwinnen handelt die die Veränderung in Ihrem Revier wahrgenommen haben und einfach mal gucken wollten was es mit unserem Flycamp so auf sich hat. Sie kommen aus Neugierde. Mir sind sie trotzdem auf Distanz lieber, gerade dann wenn ich sie wegen der Dunkelheit nicht sehen kann und nur ein Moskitonetz zwischen uns weiß. Die Löwinnen verstummen, während sie in unserer Nähe verweilen. Etwas später höre ich sie dann sanfter grummelnd von dannen ziehen. Es war anders als in meiner Kindheit, aber eines ist mir klar. Das Gefühl komplett ausgeliefert zu sein, habe ich auch als Erwachsener noch verspürt. Aber es ist kein negatives Gefühl mehr. Es ist ein tiefer Respekt vor der Natur, der ehrfürchtig und demütig macht.

Zufrieden schlafe ich ein und werde erst wieder durch das erste Tageslicht geweckt. Wie immer sieht Afrika bei Tag bezaubernd aus. Ich kann es nicht abwarten aus dem Moskitonetz zu steigen und am warmen Lagerfeuer in dickem Pulli eingepackt meinen ersten Kaffee zu genießen. Was für eine aufregend schöne Nacht. Was für ein sagenhaftes Privileg dass ich dies hier erleben durfte. Bei einem großartigen Omelette Frühstück, welches für uns über dem offenen Feuer zubereitet wurde, sind wir der Meinung kein besseres Flycampingerlebnis gehabt haben zu können. Aber es lässt sich immer noch einer drauf setzen. Unser Guide blickt auf die Schwemmebene vor unserem Frühstückstisch und kneift die Augen zusammen. Sind das nicht die Löwinnen von letzter Nacht, die da vor unseren Augen auf der Ebene vorbeiziehen? In der Tat bewegt sich was im Gras. Nachdem die Ferngläser geholt sind, erblicken auch wir die 4 Löwinnen die gemächlich in etwa 200 m Entfernung vor uns durchs hohe Gras streifen. Wir sind selig. Nach dem Frühstück und einer erfrischenden Buschdusche, wird das Flycamp zusammen gebaut und wir fahren zurück zu unserem eigentlichen Camp, welches die Hauptbasis ist und wo uns ein aufgeregter Campmanager bereits erwartet.

Zweifellos das schönste der wenigen Camps in Katavi haben wir noch eine weitere Nacht im komfortablen Chada Camp (Nomad Tanzania) vor uns, bevor wir weiter nach Mahale ziehen.

von Heike van Staden