In der Regel sind es immer wieder die Menschen, einzelne Persönlichkeiten, denen ich auf Reisen begegne und mit denen ich mehr oder weniger intensive Bekanntschaft mache, die den nachhaltigsten Eindruck bei mir hinterlassen. Auch während einer Radtour durch Madagaskar in 2014 traf ich auf eine solche Persönlichkeit, wie sie wohl nur Afrika hervorbringen kann. Wir machten Station im Andringita Gebirge, in einem der wenigen Camps in dieser abgelegenen Bergwelt. Das Fahrrad blieb an diesem Tag im Schuppen und es galt einen von dreien - alle in Sichtweite liegenden – Gipfel im Rahmen einer Bergwanderung zu erklimmen.

Neben unserem Tourguide selbst, begleiteten uns auch zwei regionale Guides, diese haben zwar keine Ausbildung als Guide genossen, kennen sich aber eben in ihrer jeweiligen Region umso besser aus. Die beiden kamen früh morgens aus ihrem etwa 1,5 km entfernten Dorf zu unserem Camp und holten uns dort ab. Dann liefen wie gemeinsam zu deren Dorf zurück, denn der Weg zum „Chamäleon“ (wie sich „unser“ Gipfel aufgrund dessen markanter Felsstruktur am Gipfel nannte) führte quasi durch jenes Dorf. Ich schätze 200 bis 300 Einwohner leben in dem kleinen Haufen, mit rotem Lehm verkleideten Häuschen. Es gibt keinen Strom und das Wasser holen die Frauen in Gefäßen, die sie auf dem Kopf balancierten, aus den naheliegenden Bergbächen, die ganzjährig glasklares Wasser ins Tal befördern. Geheizt und gekocht wird mit offenem Feuer. Es gibt auch nichts, was man mit Geld erstehen könnte, in einem kleinen Schuppen lagern einige Säcke Reis und etwas Handwerkszeug, auf das wohl jeder im Dorf zugreifen kann. Die Zebus – eine recht kleine, sehr zähe Rindergattung und wie in vielen afrikanischen Kulturen der eigentliche Reichtum der Menschen – laufen frei in weitem Radius um das Dorf herum. Die Hühner picken zwischen den Häusern nach Körnern, und um das Dorf sind kleine Parzellen zum Reisanbau terrassenförmig angelegt.

Der Senior Guide „Jamon“ (genaue Schreibweise ungewiss, ich dachte sofort an die spanische Schinkenspezialität und die Aussprache seines Namens kam dem zumindest sehr nahe …) war 60 Jahre alt. Ein stolzes Alter für einen Bergführer in einem Land, dessen Menschen eine deutlich kürzere Lebenserwartung haben als in Deutschland. Er war in genau diesem Dorf geboren und verbrachte auch sein ganzes Leben dort. Er kannte natürlich jeden Einwohner des Dorfes und stellte uns verschiedenen Menschen vor, auch Mitgliedern seiner eigenen Familie und Teilen seiner üppigen Enkelschar. Mit seinem Alter und seinen Qualitäten als Bergführer war er ein hoch respektierter Mann im Ort. Vielleicht der einzige, der regelmäßig monetäres Einkommen in der Dorfgemeinschaft generierte. Ich möchte ihm das nicht unterstellen, aber es würde mich zumindest nicht wundern, wenn er nicht mal lesen und schreiben kann, im ländlichen Madagaskar - allemal in dieser Generation - ein sehr weit verbreitetes Phänomen. Jamon sprach ein klein wenig Englisch, Französisch, Deutsch und Italienisch, jene Sprachen der meisten Besucher, die er während der Saison von einem der Camps 1 bis 7 mal in der Woche seit Jahrzehnten auf einen dieser drei Gipfel begleitet.

Mehr als das übliche „wie geht’s“, „wie heißt Du“, „guten Tag“, „auf Wiedersehen“ etc., aber auch zu wenig für eine fließende Konversation. Wenn er etwas erklärte, tat er das in der Landessprache und unser eigentlicher Guide übersetzte auf Englisch. Etwa 4 h dauerte der Aufstieg, wobei es nicht nur gute 1.000 Höhenmeter zu überwinden, sondern auch Wasserläufen zu durchqueren galt. Mit sicherem Fuße mussten wir uns an teils schmalen Passagen am Rande von senkrechten Abgründen bewegen sowie scharfkantigen Steinen und holzigen Dornengestrüpp aus dem Weg gehen. Jamon kannte alle diese Herausforderungen der Route im Detail, wahrscheinlich auch im Schlaf, er wies uns Stein für Stein den Weg durch einen Wasserlauf um trockenen Fußes die andere Seite zu erreichen und hatte dabei auch noch das Auge uns auf eine Horde Ringelschwanzlemuren aufmerksam zu machen, die in einiger Entfernung gerade in entgegengesetzter Richtung auf dem Weg in das Tal unterwegs waren und einer nach dem anderen ihrerseits einen Wasserlauf im Sprung überwanden. Jamon redete nicht viel, und wenn, dann sehr leise und mit ganz ruhiger Stimme, ein Mensch zu dem man instinktiv Vertrauen fasst und sich dankbar in seine Obhut begibt.
Am Gipfel angekommen genossen wir an einem herrlichen, klaren Tag mit fast wolkenlosem Himmel den weiten Blick über diese traumhafte Bergwelt. Wir drückten uns gegenseitig unsere Kameras zum Festhalten des obligatorische Gipfel-Poser-Fotos in die Hand, unser Tourguide und der jüngere lokale Guide machten breitwillig mit. Die Stimmung war ausgelassen und der wohlverdiente Fernblick nach dem anstrengenden Aufstieg hatte etwas euphorisierendes. Zum ersten Mal während der letzten 4 h setzte sich auch Jamon etwas abseits von uns hin. Er brachte er aus einem Lederbeutel ein kleines Stück Fladenbrot hervor und verzehrte es genüsslich, sein Blick richtete sich in das Tal. Wir alle genossen eigentlich den identischen Anblick: eine malerische Bergwelt bei herrlichem Wetter. Und doch sahen wir etwas gänzlich anderes. Denn für uns war es eine weitere Momentaufnahme einer reizvollen landschaftlichen Facette im Rahmen einer vielseitigen Reise, aber Jamon blickte von hier oben auf sein gesamtes Leben hinab. Er schaute auf sein vollständiges soziales und familiäres Umfeld – und was er sah, schien ihn glücklich zu machen. Ich fand keinerlei Anzeichen von Sorge in seiner Mine, im Gegenteil! Eine ansteckende Mischung aus innerem Frieden und Glück garniert mit einer Brise Stolz, strahlte er aus. Ich hätte Jamon fragen können, ob ich ihn fotografieren dürfe: ich tat es aber nicht! Er strahlte eine solche Würde aus, das hätte nicht gepasst.
Er bemerkte aber, dass ich ihn beobachtete, drehte sich zu mir hin und erkundigte sich in fragmentiertem Englisch, wo wir denn herkämen. Wir waren ein internationales Trüppchen und so zeigte ich auf ein Paar aus Kanada, eine Dame aus Malaysia, auf mich aus Deutschland .... Er schaute mich mit Unverständnis an. Das war nicht das, was er wissen wollte. Wo wir gestern herkamen, bevor wir das Camp neben seinem Dorf erreichten, war seine gemeinte Frage. Wir kamen aus Fiarantsoa, einer sogar recht großen Stadt mit einer Universität. Jamon ging in sich und dann ließ er mich nach einer kurzen Pause strahlend wissen, dass er auch schon mal da war – einmal, in seinem 60 jährigen Leben war er in der nächst größeren Stadt, eine Tagesetappe mit dem Fahrrad von seinem Dorf entfernt. Jamon war noch nie in der Landeshauptstadt Antananarivo, in der unsere Reise begann. Jamon lebt auf einer Insel – wenngleich der viertgrößten der Welt -, Luftlinie sind es von seinem Dorf keine 150 km zur Küste, auf der Straße etwa 300 km, in den nächsten Tagen würden wir die Küste bei Ifaty mit dem Fahrrad erreichen, aber Jamon hat noch nie in seinem Leben das Meer und den Horizont gesehen. Ich bin noch nie in meinem Leben einem Menschen, mit einer derartigen Ausgeglichenheit und so von innerem Frieden erfüllt, begegnet wie Jamon - davon werden auch Millionen von Yogis ihr Leben lang nur träumen können.

von Christoph Faust